MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”

Der Schwarzfahrer Schlampi

Ein herrlicher Sommertag neigte sich dem Ende zu, an dem meine Frau und ich wieder einmal die wunderschöne Natur rings um den Herrenkrugpark erleben durften. Wir schlenderten zur Endstelle der Straßenbahn, als vor uns plötzlich ein kleines, schwarz-weißes Hündchen saß und seinen Kopf etwas zur Seite gedreht, mit bittenden Augen ansah.

„Na, Schlampi (so nenne ich alle Hunde), bist’e deinem Frauchen ausgebüxt?“ redete ich das niedlich aussehende Kerlchen an und mit einem kläglichen „Wau!“ schien er die Frage auch verstanden und beantwortet zu haben. Spontan und ohne etwaige Folgen zu überlegen, sagte ich ihm ganz freundlich: „Nu ja du Ausreißer, dann kommste eben mit!“ Und siehe da, er gehorchte aufs Wort und schlenderte hinter uns her.

Die Straßenbahn kam, wir stiegen ein und nahmen Platz. Aber ganz kurz vor dem Schließen der Türen sprang Schlampi mit einem tollkühnen Satz in die Bahn und setzte sich brav neben unsere Sitzplätze, seinen treuen Hundeblick zu uns gewandt.

„Da haste dir aber was Schönes eingebrockt, mein Lieber. Den bringste mir nicht mit nach Hause, sieh zu, wie du den wieder los kriegst“ flötete mir meine Angetraute, schon etwas ärgerlich, in die Ohren.
„Recht hat’se, dachte ich mir“ und suchte krampfhaft nach einer Lösung.

Am Jerichower Platz probierte ich es; wir stiegen aus! Schlampi auch! Prompt stand er „bei Fuß“ neben mir, als wenn wir uns schon Jahre kennen würden. Ich beugte mich zu ihm hinunter und redete wie mit Engelszungen auf ihn ein:

„Schlampi, wenn du dein Frauchen wieder finden willst, dann renne sofort los in Richtung Herrenkrugpark!“ mit der Hand wies ich ihm den Weg, doch er unternahm nicht die geringsten Anstalten dazu. Nur seine großen runden Hunde-Kulleraugen blickten mich unverwandt an. „Haste mich denn nicht verstanden, du oller Köter?“ brüllte ich ihn nun an. Diese Stimmlage schien er zu verstehen, denn er trollte sich davon.

Aber nach fünf Metern blieb er wieder stehen, drehte seinen Kopf zu mir und stellte seine Ohren auf Empfang. „Hau endlich ab, aber dalli, dalli!“ brüllte ich abermals und drohte ihm mit der Faust. „Na das scheint er endlich geschnallt zu haben“ sagte ich, sichtlich erleichtert, zu meiner Frau. Die Bahn fuhr in die Haltestelle ein.

„Schnell rein!“, rief ich meiner Frau zu. „Den Schlampi sind wir ein für allemal los!“

Als aber mein Blick kurz darauf nach links ging, traute ich meinen Augen nicht: Der schlaue Schlampi hatte es trotz alledem wieder geschafft, in die Bahn zu springen. Am Askanischen Platz mussten wir dann definitiv raus. Ich war mir schon vorher sicher, dass damit auch Schlampi seine Schwarzfahrerei beendete. So war es dann auch und er schaute mich fragend an: „Wie soll’s denn nun mit mir weiter gehen?“
Ich wusste es nicht!

Da kam uns ein Bekannter entgegen, der mit einem dümmlichen Grinsen fragte:
„Na, wie kommt’s denn – seid ihr auf den Hund gekommen?“ Auf keine Antwort wartend, ging er schmunzelnd weiter zur Haltestelle Richtung Herrenkrug.

Dann aber, es geschehen wahrscheinlich doch noch Wunder. Ohne uns auch nur des kleinsten Blickes zu würdigen, schlurfte Schlampi seinem „NEUEN“ Herrchen hinterher, der allerdings von seinem Glück noch nichts wusste. Denn nachdem unser Bekannter in die Bahn gestiegen war, sprang Schlampi mit dem uns hinreichend bekannten eleganten Satz hinterher. Der „noch“ Ahnungslose winkte uns fröhlich aus der Bahn zu und ich dachte mir, mit einem schelmischen, schadenfrohen Lächeln auf dem Gesicht:

„Siehste, nun bist’e selbst auf den Hund gekommen!“

Wir aber konnten unseren erlebnisreichen Sonntagsspaziergang frohgemutes beenden und noch lange danach dachten wir an den „Schwarzfahrer Schlampi!“

Autor: Helmut Mittank

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