MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”

Mann ohne Hals

Die Linie „12“ und „14“ brachten mich täglich zu meiner Arbeitsstelle, als alter „Salbker.“

Mein Stammplatz war meist die linke Seite, gleich neben bzw. hinter dem Fahrer, denn wer z. B. auf der “14“ auf einem der Anhänger-Perrons mitfahren wollte, ging eine Selbstverpflichtung ein, geräuchert zu werden. Im Winter ganz besonders, weil dann die Türen auch noch zu waren (damals war das Rauchen in der Bahn noch erlaubt.)

Der zweite Grund war, man konnte sehr gut den Straßenverkehr beobachten und drittens fand ich den abgedunkelten Fahrer-Perron abends als angenehm, weil man eine „Schmusestunde“ mit der Freundin gratis hatte. Stimmt’s Brigitte?

Auch erinnere mich noch an so manche „Knüppelfahrt“ bei Nebel an den Straßenengpässen, wie z. B. auf dem „Breiten Weg“, wo nur die Bahn Vorfahrt hatte, deren Fahrer eben diesen „Knüppel“ besaß, der dann an den „Entgegenkommenden“ wieder übergeben wurde.

Interessant war auch das Überfahren der Kletterweichen an Baustellen. Hier wurde vom Fahrer „Fingerspitzengefühl“ verlangt. Und lustig war zu beobachten, als die ersten „Hechtwagen“ fuhren, wie die meisten der Fahrgäste einen „Fehltritt“ machten, wenn sie in das Wageninnere gehen wollten. Der Grund war die „Schräge“ in Höhe der Tür, wo bei den anderen Bahnen ein „Tritt“ war.

Eines Tages – es muss im Sommer 1949 gewesen sein – stand ich wieder mal neben dem Fahrer, diesmal allein!
Man nannte ihn „Mann ohne Hals“, weil er ein etwas kleinerer Mann war. Kurz vor dem Fermersleber Platz kam uns ein Lastkraftwagen mit Hänger entgegen, als diesem plötzlich der Vorderreifen platzte. Mit eingeschränktem Lenkvermögen, in Schlangenlinien fahrend, kam er auf uns zugesaust.
Der Straßenbahnfahrer bremste sofort, zog Sand und brachte die Bahn zum Stehen. Ich flitzte indessen in den Fahrgastraum, warnte die Mitfahrer, die sofort auf die andere Seite sprangen und da knallte auch schon der LKW-Anhänger mit voller Wucht seitwärts in den Triebwagen.

Glas und Holz splitterten, Eisen verbog sich und wie durch ein Wunder gab es nur ein paar Schnittwunden beim Fahrer und bei mir. Aus meiner Aktentasche holte ich später noch Glassplitter heraus.

Nach dem Schreck sagte der Fahrer: „Wir waren heute ein wirklich gutes Team!“

Autor: Wolfgang Schreber

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