Magdeburger VerkehrsbetriebeSchriftgröße einstellen
MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”An einem Morgen auf dem Weg zur Arbeit sitze ich wie gewöhnlich in der Straßenbahn und versuche, einige meiner noch schlummernden Sinne zum Wachwerden zu ermuntern: ich schaue, rieche, lausche.
Eingetaucht in kaltes Winterdunkel ziehen Autos in endlosen Schlangen vorüber. Meistens sind es nur mit einer einzigen Person besetzte Wagen, stelle ich nachdenklich fest. Und noch etwas bemerke ich. Leuchtenden Gespenstern gleich, bleiben sie genauso unerkannt wie wir – die anonymen Steinchen im bunten Mosaik der Bahn.
Ich sitze und träume aus dem Fenster. Fast lässt meine Neugier Nase und Stirn die Scheibe berühren, da fesseln mich unerwartet ganz andere Bilder. Das Mosaik um mich herum, beginnt zu leben. Im Fenster spiegeln Menschen sich, all die Mitfahrenden vor mir, neben mir, schräg gegenüber, hinter mir. Und jetzt schau ich Gesichter statt Autos, ohne Scheu und völlig ungeniert, wie sonst nur Kindern eigen. Die Scheibe schützt mich wie ein Schild, befriedigt Neugier indirekt, aus zweiter Hand.
Da ist die Frau, die mit gesenktem Kopf emsig ihre Finger und hoffentlich auch ihren Geist munter tippt am Handy. Der schlanke Mann daneben, gibt nicht nur seinen Ohren die volle Dröhnung oder gar die letzte Ölung. Zwei Punks drehen sich in aller Ruhe Zigaretten, vielleicht auch einen Joint.
Und weiter hinten, sehe ich einen Knirps im Kinderwagen – ein fast vergessenes Bild! Mein Blick verharrt auf dem kleinen Gesicht, das ein einziges Lächeln ist. Wie kann jemand so früh am Morgen schon so breit grinsen? Ich folge seinen Augen und erlebe einen handfesten Flirt zwischen dem süßen Kleinen und einer fremden Frau, die dieser Art Anmache nicht widerstehen kann und sie nur allzu gern mit einem Schmunzeln erwidert. Verschämt dreht der Knirps ruckartig sein Köpfchen ins Kissen, um Sekunden später schon wieder die Welt um sich herum, mit diesem Lächeln zu erobern. Was für ein Start in den Tag!
Ich mag meinen Blick nicht von dieser Szene lassen, da höre ich ein älteres Paar reden, kann sie aber nicht im Fenster ausmachen. Sie sind wohl auf dem Weg zum Arzt. Er hat sich Kastanien in die Hosentasche gesteckt, erzählt er ihr. Und ich sehe die verschrumpelten Kastanien meines Opas vor mir, die er bei sich trug und mir immer wieder zeigte. Sollen gut gegen Rheuma sein!
Und plötzlich entdecke ich das dunkelhaarige Schneewittchen, wie es sich verstohlen hinter seiner geöffneten Handtasche versteckt und die roten Lippen nachzieht. Für die sieben Zwerge?
Etwas holt mich aus dem märchenhaften Anblick zurück in die Gegenwart – die Haltestellenanzeige – Ich lese sie, natürlich in Spiegelschrift. Das fördert das Denken und damit kann man nicht früh genug anfangen.
Es ist kurz vor 8. Zeit zum Aussteigen. Ich drücke den Türöffner und halte im selben Moment reflexartig den Atem an. Eine von Haarspray, Duschgel, Deo und Make-up kontaminierte Wolke strömt von einer unmittelbar hinter mir stehenden Dame gefährlich nah auf mich zu und lässt meinen Magen rebellieren. Gerade rechtzeitig öffnet sich die Tür. Mit einem lauten Niesen verlasse ich die Bahn.
Wieder einmal hat man mich nicht einfach nur von A nach B gebracht, sondern dabei auch alle Sinne geweckt. Im nächsten Monat sinniere ich, nach des Winters Macht, wenn in der Bahn das Licht versiegt, verlöschen auch die Fensterbilder.
Und dann wird’s Blicke geben, nur noch aus erster Hand!
Autorin: Brigitte Al-Halbauni