Magdeburger VerkehrsbetriebeSchriftgröße einstellen
MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”„So!“, sagte mein Papa zu mir. „Seit einer Woche bist du jetzt acht Jahre alt, du darfst heute zum ersten Mal alleine mit der Straßenbahn zur Musikschule fahren.“
Er reißt zwei Scheine von einer Sieben-Fahrten-Karte ab und gibt sie mir. Ich schnappe meine Bratsche und mache mich auf den Weg. Die Straße sieht heute ganz anders aus. Alleine unterwegs, betrachte ich die Dinge am Wegesrand viel intensiver – die alte rostige Gaslaterne, die große Wasserpumpe, die lange nervöse Schlange an der Kaufhalle und den dampfenden Hundeberg am Wegesrand.
Als ich an der Haltestelle ankomme, angelt „Flaschenelli“ gerade eine leere Bierflasche aus dem Papierkorb. Mit ihrem diebischen Blick durch die Brille schiebt sie sie in einen ihrer mit leeren Flaschen prall gefüllten klimpernden Beutel. Sie ist ein Magdeburger Original und stadtbekannt.
Eine neue Tatrabahn kommt quietschend um die Ecke. Und es passiert jedes Mal das Gleiche, wenn „Flaschenelli“ in einen Waggon der Straßenbahn einsteigt. Die Hälfte der Leute rümpft die Nase, steigt aus und wechselt in einen anderen Wagen der Bahn.
Meinen Fahrschein stecke ich vorsichtig in einen Entwerter. Es klackt, aber kein Stempelaufdruck ist auf dem Schein zu sehen. Auch mein zweiter Versuch bleibt erfolglos. Da ich schon öfter Fahrscheine stempeln durfte, weiß ich, dass manchmal die Tinte alle ist.
Ich gehe zum Entwerter in der Wagenmitte und diesmal klappt es. Ein deutlich zu erkennender Zahlencode hat meinen Fahrschein entwertet.
Dann finde ich sogar noch einen Platz auf einem der roten Plastesitze. In den neuen Tatrazügen aus der Tschechoslowakei ist jeder zweite der modernen Schalensitze rot, die andere Hälfte ist hässlich grau.
Als kleine Kinder haben mein Bruder und ich jedes Mal nach dem Erstürmen eines Waggons dieser neuen Tatrazüge versucht, schnell einen roten Sitz zu beschlagnahmen. Wer nur einen grauen Sitz erobern konnte, hatte verloren. Hatten wir einen roten Sitz für uns ergattert, rutschten wir stolz auf ihm herum. Meine Eltern nervte das immer tierisch. Uns machte es deswegen umso mehr Spaß.
Am Hauptbahnhof stieg „Flaschenelli“ aus. Sie watschelte humpelnd in ihrem schmutzigen rot-kariertem Kleid mit klappernden Beuteln in Richtung Bahnhof. Dort verstaute sie dann ihre gesammelten Schätze in den Schließfächern im Tunnel zwischen Bahnsteig fünf und sechs.
Einmal habe ich im Bahnhof beobachtet, wie dort alle Schließfächer, unter Aufsicht der Transportpolizei, geöffnet wurden. Siebzehn Fächer waren mit dem Sammelgut von „Flaschenelli“ gefüllt. Sie stand schreiend dabei, als ihre Schließfächer entrümpelt wurden und wollte handgreiflich werden. Sie keifte Unverständliches. Die Trapo konnte sie nur mit Mühe zurückhalten und brachte sie irgendwohin.
Am Hauptbahnhof füllte sich die Bahn. Ich stehe zum ersten Mal, ohne von meinen Eltern aufgefordert zu werden, auf, um für die älteren Herrschaften Platz zu machen. Eine geschminkte Dame mittleren Alters weigert sich, meinen Platz zu belegen. Sie ist entsetzt und schimpfte vor sich hin: „Sehe ich etwa schon so alt aus?“, sagte sie zu mir. Sie kramt einen Kamm aus ihrer Handtasche und kämmt sich ihre Haare über, schaut mich verschreckt an und macht mich ganz verlegen. Ich bleibe stehen und mein Platz bleibt leer. Die Dame hält sich in der Kurve krampfhaft an einer Stange an der Tür fest und fällt bald um. Es wäre wohl besser gewesen, wenn sie sich hingesetzt hätte.
Der schmucke neue Tatrazug hält an der Haltestelle der MVB. Hier endet meine erste Fahrt. Zum ersten Mal stieg ich alleine aus und schleppte meine Bratsche selbst an der Sebastianskirche und dem Dom vorbei, bis hin zur Musikschule…
Die Begegnung mit der Dame, die bei meiner ersten Straßenbahnfahrt meinen Platz nicht haben wollte, kann ich nicht vergessen. Was hatte ich falsch gemacht?
Das erste Mal bin ich von selber freiwillig aufgestanden und dann so etwas. Sonst hatten immer meine Eltern mich darauf hingewiesen, wann ich aufzustehen hatte. Ungern habe ich dann meinen meist roten Sitz hergegeben. Warum wollte diese Dame sich nicht hinsetzen? Bei meinen Fahrten mit der Bahn wird die Eroberung von roten Sitzen jetzt zweitrangig.
Mein neues Hobby ist es herauszufinden, welche der älteren Fahrgäste nehmen gern einen angebotenen Platz an? Bei Männern ist das meist kein Problem. Sie lassen sich zufrieden auf den angebotenen Platz plumpsen. Die Frauen sind nicht alle so dankbar. Viele nehmen gern das Angebot an. Eine bestimmte Spezies von ihnen, meist die Angetuschten mittleren Alters, sträuben sich wie die Zicken, Platz zu nehmen. Es ist spannend, dies herauszufinden.
Eine Fahrt mit der Straßenbahn ist für mich immer ein interessantes Ereignis. Früher eroberte ich rote Schalensitze, heute bin ich immer noch dabei herauszufinden, welche der Damen gern einen angebotenen Platz annehmen.
An jeder Station halte ich Ausschau. Wenn eine Dame einsteigt, biete ich ihr höflich meinen Platz an. Nimmt sie dankbar an, bin ich zufrieden. Weigert sie sich meinen Platz zu belegen und schaut mich strafend an, schmunzele ich verlegen…
Autor: Norbert Stefaniak