Magdeburger VerkehrsbetriebeSchriftgröße einstellen
MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”Meine Straßenbahn fährt 16:49 Uhr. Es ist aber nicht nur meine Straßenbahn. Der Arbeiter in der blauen Latzhose sitzt ja meist schon drin, wenn ich an der Haltstelle Nicolaiplatz in die Linie 9 steige. Er hat immer seinen alten Rucksack auf dem Schoß und ist meist ziemlich müde.
Da ist auch noch die Frau mit den lustigen Augen aus dem Gardinenlädchen. Sie steigt eine Station später, in der Mittagstraße ein und blättert dann meist in einer dieser bunten billigen Frauenzeitschriften. Aber ich treffe sie nicht jede Woche. Sie arbeitet wahrscheinlich in Schichten.
Und dann …, dann gibt es da noch diesen hübschen Mann mit den schwarzen Locken. Er hat grüne Augen. Na ja, so tief habe ich ihm noch nicht in die Augen geschaut. Aber sie sind grün, da bin ich mir sicher. Der Lockenkopf fährt nicht Straßenbahn. Er fährt Fahrrad, ein älteres Modell. Aber der Fahrradweg verläuft parallel der Linie 9, so dass ich ihn regelmäßig sehe. Ich glaube, sein Fahrrad ist ein 28er Herrenrad. Jedenfalls ist es hellblau.
An einem typischen Arbeitstag fährt der hübsche Lockenkopf am Nicolaiplatz, also da, wo ich an der Haltestelle stehe, an mir vorbei. Kurz darauf kommt meine Straßenbahn. Ich steige ein, suche mir einen Fensterplatz mit Blick auf den Fahrradweg und die Straßenbahn mit mir, überholt dann den Radfahrer.
An der Haltestelle Mittagstraße muss die Straßenbahn halten und der Fahrrad fahrende Lockenkopf hat seine Chance. Er überholt uns. Dann überholen wir ihn mit der Straßenbahn und halten am Neustädter Friedhof, wo er wiederum unsere Straßenbahn überholt. Das spielen wir bis zum Universitätsplatz. Am Universitätsplatz hat der Spaß sein Ende. Wahrscheinlich hat es etwas mit der Ampelschaltung zu tun oder der Rad fahrende Lockenkopf biegt ab. Jedenfalls hat er nach dem Universitätsplatz mit seinem Fahrrad scheinbar keine Chance, die Straßenbahn einzuholen. Diese kleine Wettfahrt ist wohl der aufregendste Bestandteil meines Arbeitsweges.
Ich habe mir schon oft überlegt, was ich alles tun könnte, damit der Fahrradfahrer endlich auf mich aufmerksam wird, aber das ist für mich alles sehr kompliziert. Ich bin kein sehr mutiger Mensch.
Vorige Woche jedoch, wurde alles anders. Der Lockenkopf hatte den Nicolaiplatz bereits passiert und die Chance, ihn heute noch einmal zu sehen, war bereits verflogen. Als ich in die verspätete Straßenbahn stieg, unterhielten sich zwei Rentner darüber, dass es in der Bahn Ärger gegeben hatte. Zwei Jugendliche, die keinen Fahrschein hatten, wurden vom Straßenbahnfahrer zurecht gewiesen. Ich hörte den beiden Rentnern noch eine Weile zu, bis der eine dann seufzte: „Ja, ja diese Jugend heutzutage…“ Auch ich musste stöhnen und sagte mir: „Jugend ist was ganz schön Kompliziertes. Heutzutage erst recht.“
Ich dachte an den Lockenkopf und mir wurde wieder einmal klar, dass er von meiner Existenz gar nichts wusste. In der Straßenbahn würde er mich nie wahrnehmen. Dagegen musste ich endlich etwas tun. Heute Abend würde ich in den Keller gehen, mein Fahrrad ein wenig herrichten und morgen…, morgen würde ich dann nicht in die Straßenbahn steigen, sondern ich würde auf dem Radweg mit ihm so rein spontan, ganz zufällig zusammenstoßen. Wir hätten dann die Möglichkeit zu reden. Ich würde so cool sein, wie nur irgendwie möglich. Das dachte ich mir in der Straßenbahn.
Die Straßenbahn hatte den Universitätsplatz bereits hinter sich gelassen und hielt am Alten Markt. Da ich meinen Plan verwirklichen wollte, stieg ich aus. Ich brauchte eine neue Luftpumpe, die ich am schnellsten bei Karstadt kaufen konnte. Es wäre tragisch, wenn mein Plan an einem platten Reifen hätte scheitern müssen.
Beim Aussteigen fiel mir an der Straßenlaterne ein angeschlossenes, hellblaues Herrenfahrrad auf. Es war eindeutig das Fahrrad meines Lockenkopfes. Er musste hier in der Nähe sein. Ich schaute mich vorsichtig um, und dann sah ich ihn vorm Café „Flair“. Da stand er. Hand in Hand mit einer nicht ganz so lockigen Frau. Die beiden sahen sehr glücklich aus. Ich holte tief Luft, drehte mich um und kaufte keine Luftpumpe. Dann dachte ich an den Straßenbahnfahrer. Ich dankte ihm, dass er den Streit mit den Schwarzfahrern nicht gescheut hatte. Die verspätete Straßenbahn hat mir mit Sicherheit eine peinliche Situation, wenn nicht gar eine Blamage erspart.
Meine Straßenbahn fährt 16:49 Uhr. Ich treffe den Arbeiter in der blauen Latzhose, die Frau aus dem Gardinenlädchen und ich höre den Rentnern zu. Manchmal, wenn der lockige Radfahrer meine Straßenbahn überholt, sehe ich ihm lächelnd und auch ein wenig wehmütig nach.
Autorin: Elke Bozau