Magdeburger VerkehrsbetriebeSchriftgröße einstellen
MVB-Aktion “Das Leben fährt mit.”Der 27. April 1973 war ein Freitag. Am Wochenende zuvor war Ostern und wie üblich, fanden an den Wochenenden zu dieser Zeit zahlreiche Jugendweihefeiern statt.
Meine Mutter, Bettina Knorrn, war Schneidermeisterin und hatte deshalb ordentlich mit dem Nähen von schicken Kleidern und Anzügen für die jungen Erwachsenen zu tun. Das Atelier befand sich schon damals im Haus in der Düppler Mühlenstraße und an so manchen Tagen brannte die Lampe dort bis tief in die Nacht.
So auch an diesem Freitag.
Es musste unbedingt noch ein Auftrag für den nächsten Tag erledigt werden und so wurde eifrig die Nadel geschwungen.
Bis gegen 22.00 Uhr unmissverständliche Zeichen darauf hinwiesen, dass bald ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt erblicken sollte. Die Wehen setzten ein, denn meine Mutter war mit mir im neunten Monat schwanger und nun war es wohl soweit. Mein Vater hat zu diesem Zeitpunkt bei der NVA den Frieden verteidigt und konnte ihr ebenso wenig helfen, wie meine damals neunjährige Schwester Sabine, die längst schlief.
Also wurden die letzten Nadelstiche für das Jugendweihekleid gesetzt und unter Schmerzen schnell ein Zettelchen für Sabine geschrieben:
„Mutti ist im Krankenhaus, bring bitte das Kleid zu Raumausstatter Schleife (die Tochter hatte am nächsten Tag Jugendweihe).“
Das Köfferchen war bereits gepackt und so machte sie sich auf den Weg zum Bus. Telefone, um ein Taxi zu rufen, waren damals noch nicht so verbreitet und sie wollte auch keinen unnötig belästigen, denn so eine Geburt war ja nun wirklich nichts Besonderes…
Sie stieg an der damaligen Endstelle „Olvenstedter Scheid“ in die „52“, die bis vor einem halben Jahr noch Linie „C/F“ hieß und seitdem auch zur Porsestraße fuhr.
Weil sie sich bereits unter den Wehen krümmte und nicht unangenehm auffallen wollte (man machte damals ja nicht so ein Gewese, wie sie selber immer sagte), setzte sie sich nach ganz hinten, wo es dunkel war, obwohl nur der Fahrer mit im Bus saß. Der kam auch prompt nach hinten, weil er bemerkte, dass etwas nicht stimmte und sah das schmerzverzerrte Gesicht. „Was ist denn mit Dir los, Mädchen?“ Man kannte sich vom Sehen, es war wohl üblich, dass die Fahrer immer auf derselben KOM-Linie unterwegs waren und so war der Ton recht ungezwungen.
Meine Mutter sagte ihm, dass sie ins Krankenhaus wollte, worauf er bedauernd erwiderte, dass er im Nachtverkehr leider nur bis zum Olvenstedter Platz fahren würde und von dort der Weg zur Landesfrauenklinik unter diesen „Anderen Umständen“ recht weit ist. Doch kaum ausgesprochen, drehte er sich auf dem Absatz um, eilte nach vorn, schloss alle Türen und fuhr – ohne auch nur an einer Haltestelle anzuhalten – direkt zur LFK.
Dort brachte er meine Mutter zur Anmeldung und wünschte ihr alles Gute. Meine Mutter bedankte sich und fragte nach seinem Namen, denn sie versprach ihm, wenn es ein Junge wird, soll er Thomas heißen, so wie er. Wenig später, am 28.04.1973 um 3 Uhr habe ich dann (als Mädchen und somit nicht „Thomas“) das Licht der Welt erblickt.
Noch oft sorgte diese Geschichte für Staunen und Gelächter bei Familienfeiern und da ich als Kind immer in Texas unterwegs war und auch zur Schule ging, hat mich mein „Geburtshelfer“ sicher aufwachsen sehen. Meine Mutter sagt, er hätte auch in Texas gewohnt. Vielleicht gibt es ihn ja dort noch?
Autorin: Beatrice Knorrn